Mustervariation II

NEO UND DAS ORAKEL


Die Oberfläche enthält mehr oder weniger offensichtliche Hinweise auf das Verborgene. Dieses Prinzip durchzieht die Matrixtrilogie auf allen Ebenen. So wie im Beispiel der „Pakete für Neo“ einige offensichtlichere Gemeinsamkeiten auf viele verborgene hingewiesen haben, so enthält Revolutions am Anfang offensichtliche Hinweise auf das grundsätzliche Konzept der Mustervariation.

Der Anfang von Revolutions besteht aus einer Reihe von Variationen mit zunehmendem Grad an optischer Übereinstimmung. Einige der Szenen lösen bereits beim ersten Sehen ein ausgeprägtes Gefühl der Vertrautheit aus.

Zunächst blitzen die gespiegelten Déjà Vus nur kurz auf.


Der rettende Zug

◄ Ein Sprung rettet Neo vor dem einfahrenden Zug. Anschließend beginnt die Verfolgung Neos durch die Agenten.
► Ein Sprung vor den einfahrenden Zug rettet den Trainman. Er beendet die Verfolgung des Trainmans durch die Rebellen.


Adams Bridge

◄ & ►  Im Verlauf ihres Vorhabens, Neo zu retten, durchfahren die Rebellen bei Nacht die Adams Bridge.


Kampf in der Lobby

Der Kampf im Vorraum des Club Hels hat wohl jeden Zuschauer sofort an den Kampf in der Lobby im ersten Film erinnert. Dass gerade hier das Negative der Spiegelung im plakativen Vertauschen von unten und oben besteht, ist nicht ohne Ironie. Bei näherer Betrachtung ist jede Einstellung des Kampfes im Club Hel eine Variation des Kampfes in der Lobby. Einige ausgewählte Beispiele:


Die Fahrt zum Orakel

In den ersten 15 Minuten durchläuft Revolutions einen Mutationsprozess: Die Fortsetzung eines Originals verwandelt sich zunehmend in das Original selbst. Die Reflektionen werden immer eindeutiger, bis sie schließlich in eine (einschließlich der Musik) nahezu identische Szene münden.

Nicht nur im Vorder- auch im Hintergrund werden die gleichen Bilder gezeigt! In den ersten beiden Sequenzen mit Neo fahren die Rebellen dieselbe Straße entlang, auf der sich dieselben Personen in derselben Kleidung in derselben Weise bewegen und auf der dieselben Autos am Rand stehen.

Matrix ist Mustervariation!

Diese Szene ist der eine, der eindeutige Hinweis! Für einen Moment verlaufen die Stränge von Matrix und Revolutions nicht nur im Verborgenen parallel, sie überschneiden sich auf der Oberfläche: Das Unsichtbare wird sichtbar, die Substruktur auf der Oberfläche erkennbar!

Sowohl produktionstechnisch als auch strukturell gilt für diese Szene:

Im Hintergrund läuft derselbe Film!


Neo beim Orakel

Trotz entscheidender Differenzen auf inhaltlicher Ebene wird die Tendenz zur deckungsgleichen Inszenierung  fortgesetzt:

◄ & ►  Neo betritt die Küche des Orakels.

◄ Die Handbewegung des Orakels drückt aus, dass sie Neo erwartet hat und weiß, dass er an der Tür steht.
► Die Bewegungen der Hände des Orakels drücken aus, dass sie Neo noch nicht erwartet hat. Sie hat noch nicht bemerkt, dass er an der Tür steht.

◄ Das Orakel dreht sich wissend um.
► Das Orakel blickt erstaunt auf.

◄ Das Orakel bewegt sich in Richtung des Fensters und stellt die fertigen Kekse ab.
► Das Orakel bewegt sich in Richtung des Fensters und stellt den Rührlöffel ins Becken.

◄ Das Orakel befreit ihre Hände von dem sie umhüllenden Stoff.
► Das Orakel umhüllt ihre Hände mit Stoff.

◄ Das Orakel greift nach einer Zigarette.
► Das Orakel greift nach einem Bonbon.

◄ Das Orakel bietet Neo einen Keks an. Neo nimmt ihn zögerlich.
► Das Orakel bietet Neo ein Bonbon an. Neo lehnt entschlossen ab.

◄ & ► Das Orakel bewegt sich plaudernd zu ihrem Platz ...

…raucht dort eine Zigarette …

… führt ein Gespräch mit Neo …

… in dessen Verlauf sie auf das Schild über der Tür verweist …

… woraufhin sich Neo pflichtschuldig umdreht.

Konzeptionell erfüllen die ersten 10-15 Minuten in den Fortsetzungen die Funktion, die Gesamtkonzeption des jeweiligen Filmes darzulegen. In einem als Mustervariation ausgelegten Gesamtkunstwerk ist die Frage nach der Konzeption des jeweiligen Teils gleichbedeutend mit der Frage nach seinem Verhältnis zu den Vorgängern. Reloaded ist die  Antithese zu Matrix. Der gleiche Inhalt wird aus der konträr entgegen gesetzten Perspektive betrachtet und zudem auch gegenteilig gedeutet und bewertet. Entsprechend ist in den ersten zehn Minuten von Reloaded zwar alles eine Anspielung auf Geschehenes, aber zugleich auch immer eine Negativspiegelung. Revolutions dagegen behauptet die Ausgangsthese von Matrix gegenüber der Antithese von Reloaded (und hebt sie auf eine höhere Ebene). In gewisser Hinsicht ist Revolutions Matrix. Deshalb zeigen die ersten 10 Minuten den Mutationsprozess eines neuen Films in einen bereits bekannten.

War bereits der zweite Film genau genommen keine Weiterführung, sondern eine verschachtelte Wiederholung des ersten, so kommt auch der dritte Teil nicht wirklich voran. Vielmehr gelangt er erneut – mittels fortschreitender Wiederholung – an seinen Ausgangspunkt zurück, was durchaus ein Gefühl der Frustration erzeugen kann:

 
Matrix deconstructed - Die Fahrt zum Orakel